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am 25. Juni

Lokalaugenschein am ungarischen AKW Paks: Experten warnen vor Erdbebengefahr

Martin Litschauer, Thomas Waitz - Auch ungarische Opposition vehement gegen russisches Milliardenprojekt auf Erdbebenlinie

Mitten in Ungarn, 150 km von der österreichischen Grenze entfernt, warten Bagger und LKWs auf den Spatenstich für ein Milliardenprojekt Orbans, oder eine Gefahr für ganz Europa. In Paks, südlich von Budapest, sollen zwei neue Atomreaktoren gebaut werden, die die Hälfte des inländischen Strombedarfs decken sollen. Ein Bericht des österreichischen Umweltbundesamtes (UBA) lässt nun aufhorchen: Im Standortverfahren wurde ignoriert, dass Paks II genau auf einer Erdbebenbruchlinie stehen wird. Nicht nur das, es gibt sogar starke Hinweise auf Datenmanipulation im Standortsicherheitsbericht. Nach ungarischem Recht darf in Paks II kein AKW stehen, denn hier hat sich in der Vergangenheit wortwörtlich mehrmals die Erde aufgetan.  

Martin Litschauer, Anti-Atomenergie Sprecher der Grünen, ist alarmiert. „Das nächste Beben kommt bestimmt. Stehen bis dahin schon zwei neue Reaktoren in Paks, dann gute Nacht! Zieht Ungarn jetzt keine Konsequenzen, muss die europäische Gemeinschaft entschieden einschreiten.“ 

Gemeinsam mit seinem Parteikollegen, EU-Parlamentarier Thomas Waitz, lud er am 22.6. ungarische Oppositionspolitiker*innen der Grünen Partei Ungarns (LMP) zum Lokalaugenschein vor Ort ein. Entlang der Donau stehen hier schon 4 Reaktoren, die 50 Prozent des ungarischen Stroms produzieren. Mit dabei auch die Experten des Umweltbundesamtes, die in sengender Hitze geologisches Kartenmaterial ausrollen und die Drastik der Lage schildern. In den letzten 20 000 Jahren haben schwere Erdbeben wiederholt den Erdboden gespalten. Kein Atomkraftwerk hat gute Chancen derartige Risse in der Oberfläche zu überstehen. Morgen oder in 1000 Jahren? Niemand weiß, wann es das nächste Mal passieren wird.

Lóránt Keresztes, Klubvorsitzender der Grünen im ungarischen Parlament, findet drastische Worte zu einem oft ignorierten Problem:  "Es ist ein großer Fehler, neue Atomreaktoren zu bauen, wenn wir mit dem Müll nicht umgehen können." Er ist persönlich betroffen von den Plänen der Regierung, ein hochstrahlendes Endlager in der Nähe seines Heimatortes Pécs zu errichten. Er ist strikt gegen Atomenergie, vor allem in Zeiten billiger und sofort verfügbarer Sonnen- und Windenergie. Auch eine weitere prominente Stimme Ungarns ist strikt gegen den Bau. Der Budapester Bürgermeister, Gergely Karácsony gilt mit seinem Oppositionsbündnis als hoffnungsvoller Herausforderer von Ministerpräsident Viktor Orbán bei den Wahlen 2022. Sollte er gewinnen, will er den Ausbau stoppen. Das Oppositionsbündnis hat sich klar gegen Paks II ausgesprochen, dabei gibt es in ihren Reihen längst nicht nur Atomenergie-Gegner.   

Thomas Waitz, zugleich Ko-Vorsitzender der Europäischen Grünen, gibt seinen ungarischen Kollegen recht: „Nuklearenergie ist eine Technologie aus dem letzten Jahrtausend. Hier bei Paks II sehen wir wie ein zukünftiger Atomschrottmeiler entsteht, der nicht nur auf einer Erdbebenlinie steht, ein sicherheitspolitisches Risiko ist und auch nichts im Kampf gegen die Klimakrise beitragen wird. Und die EU-Kommission fühlt sich offensichtlich nicht zum energischen Einschreiten verpflichtet.“

Waitz hatte im Vorfeld die Europäische Kommission mit Paks II konfrontiert. Diese sieht nukleare Sicherheit vorrangig in der Verantwortung der Mitgliedstaaten, schließt zugleich ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn aber nicht aus. Berührt das ein Ungarn, gegen das über 1000 Vertragsverletzungsverfahren laufen? Wohl kaum, Ungarn will die beiden Reaktoren lieber heute als morgen strahlen sehen. Für Orbán sind sie der Schlüssel zum Erreichen der Klimaziele. Geopolitisch zeugen sie von der engen Verflechtung Ungarns mit Russland.  

„Der Ausbau von Paks II ist ein rein geopolitisches Projekt. Russland liefert die Technologie und einen 10 Milliarden Euro Kredit. Was bleibt den Ungarinnen und Ungarn, bis auf das Risiko, die hohen Kosten und tonnenweise strahlenden Müll? Eine ernstzunehmende Klimapolitik kommt ohne teure und gefährliche Atomenergie aus. Wir werden uns weiterhin gegen den Ausbau von Paks II mit all unseren politischen Mitteln einsetzen“ So Litschauer abschließend. 



Weiterführende Links: 

Bericht des Umweltbundesamtes: 
https://www.umweltbundesamt.at/uvpkkwpaksii

Anfrage an die Europäische Kommission: 
https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-9-2021-002283_EN.pdf

Antwort der Europäischen Kommission: 
https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-9-2021-002283-ASW_EN.html