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am 21. April

Tschernobyl

Martin Litschauer - Die größte Nuklearkatastrophe aller Zeiten jährt sich heuer zum 35. Mal

Vor 35 Jahren ereignete sich die größte Nuklearkatastrophe aller Zeiten, die auf einen Schlag die Welt veränderte. In der Nacht des 26.4. 1986 kam es im ukrainischen AKW Tschernobyl nach einem simulierten Stromausfall zur Fehlabschaltung des Reaktorblocks 4. Die Lage geriet schnell außer Kontrolle und es kam zum Unvorstellbaren: Einer Kernschmelze gefolgt von zwei Explosionen, die die 1000 Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktorkerns und das Gebäudedach sprengten. Innerhalb der ersten zehn Tage wurden über 2 Trillionen Becquerel an radioaktiver Strahlung in die Atmosphäre freigesetzt. Das entspricht einem Vielfachen der Radioaktivität, die durch die Atombomben in Hiroshima und Nagasaki freigesetzt wurden. Wind und Wetter ließen einen großen Teil des Fallouts in den Folgetagen fast über fast das gesamte Europa niedergehen.

„Österreich war besonders stark vom radioaktiven Fallout betroffen. Über 13% der Landesfläche, vor allem Regionen im westlichen Niederösterreich, der westlichen Obersteiermark, weiten Teilen Oberösterreichs und Salzburgs sowie im Koralpengebiet, wurden stark mit radioaktivem Caesium-137 und Jod-131 belastet. Aufgrund der langen Caesium-137-Halbwertszeit von über 30 Jahren sind die Böden dort immer noch relativ stark belastet, weshalb nach wie vor vom übermäßigen Genuss von Schwarzwild und Waldfrüchten aus diesen Regionen abgeraten wird. Nach wie vor weisen circa 10% der untersuchten Eierschwammerl in ganz Österreich Grenzwertüberschreitungen auf.“ Erklärt Martin Litschauer, Anti-Atom-Sprecher der Grünen. 

Die sowjetische Regierung unter Gorbatschow reagierte unmittelbar nach dem Supergau mit Geheimhaltung. So wurden die über 70 Ortschaften rund um das AKW erst Tage später evakuiert. 115 000 Einwohner*innen verloren ihr Zuhause, 270 000 Personen lebten weiterhin in kontaminierten Gebieten. Die Folge sind bis zu dreißig-prozentige Erhöhung der Kindersterblichkeit, sowie hunderttausende Todesopfer in den betroffenen Regionen in der Ukraine, Russland und Weißrussland.  

 „Die gesundheitlichen Spätfolgen des Supergaus, der sich über 1000 km von Österreich entfernt ereignet hat, spüren wir aber auch hierzulande immer noch deutlich. Neue Studien zeigen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Tumorereignissen und dem radioaktiven Fallout in Österreich. Seit den 1990er stiegen etwa die Schilddrüsenkarzinome deutlich an. Bis zu 40% der Zunahme steht im Zusammenhang mit Tschernobyl. Aus neuen Studien zur Tumorinzidenz von AKW-Mitarbeiter*innen wissen wir mittlerweile auch, dass niedrigere Dosen zu erhöhten Tumorraten führen.“

Litschauer weiter: „Besonders betroffen macht es mich daher, wenn die Atomlobby probiert durch falsche Zahlen diese Tragödie herunterzuspielen. In Sozialen Netzwerken liest man immer wieder von nur 30 Toten durch den Tschernobyl-Supergau. Man verschweigt aber, dass es sich dabei um die Mitarbeiter vor Ort handelt, die direkt verstrahlt wurden und man verschweigt die hunderttausenden Menschen, die erst Jahre später an Karzinomen erkrankt oder gestorben sind. Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) gehen gar von 100.000 Toten und bis zu 900.000 Invaliden aus. Genau feststellen kann das niemand, aber fest steht, dass Tschernobyl nach 35 Jahren immer noch tötet.“

Litschauer abschließend: „Technologisch mögen wir heute weiter sein als vor 35 Jahren, aber das Entscheidende hat sich seither nicht verändert: Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler und die Beherrschbarkeit von Naturgewalten ist eine Illusion. Atomenergie macht nur 4% der globalen Primärenergieerzeugung aus, das ist das Risiko nicht wert.“